Der richtige Zeitpunkt für die kieferorthopädische Behandlung

Von Kieferorthopäden erhalten junge Patienten und Eltern oft verwirrende Auskünfte über den richtigen Zeitpunkt zum Beginn einer kieferorthopädischen Behandlung. So empfehlen manche Kollegen bereits einen Behandlungsbeginn im Vorschulalter, viele andere im Grundschulalter, also zu einer Zeit, wenn noch viele Milchzähne im Mund vorhanden sind.

Dabei ist es im Grunde ganz einfach: Begradigt werden sollen natürlich die bleibenden Zähne, während die Milchzähne ohnehin ausfallen und ihre kieferorthopädische Bearbeitung daher grundsätzlich fragwürdig ist. Schon aus diesem Grund ist es weltweit üblich, die kieferorthopädische Behandlung erst dann zu beginnen, wenn alle bleibenden Zähne im Mund vorhanden sind. Das ist meistens im Alter von 11-12 Jahren der Fall, und Kieferorthopäden, die eine ehrliche, bescheidene Leistung abliefern wollen, fangen daher grundsätzlich erst in diesem Alter mit der Behandlung an.

Abgesehen von dem logischen Gedanken, keinen sinnlosen Aufwand an ausfallenden Milchzähnen auszulösen, kommt noch ein zweiter Grund dazu, der für einen Behandlungsbeginn im frühen bleibenden Gebiss spricht. Sämtliche Zahnbewegungen gehen während des pubertären Wachstumsschubs am schnellsten und elegantesten, so dass auch von daher alles dafür spricht, Grundschulkinder vor einem Alter von 10 Jahren mit kieferorthopädischen Maßnahmen zu verschonen und geduldig bis zum idealen Behandlungszeitpunkt mit 11-12 Jahren abzuwarten. Der Gewinn für dieses Abwarten ist groß: Die jungen Patienten samt ihren Eltern werden mit kurzen und unkomplizierten Behandlungen, und letzten Endes auch mit geringeren Behandlungskosten belohnt.

In Deutschland herrscht die „Frühbehandlung“

Es ist interessant festzustellen, dass ausgerechnet in einem wohlhabenden Industrieland wie Deutschland mit größter Selbstverständlichkeit gegen diese einfachen Regeln zum idealen Behandlungsbeginn verstoßen wird. Deutsche Kieferorthopäden hängen ganz überwiegend dem alten Modell der sogenannten „Frühbehandlung“ an. Die meisten Kollegen versuchen, junge Patienten möglichst früh, am besten bereits beim ersten Betreten der Praxis, als Patienten zu rekrutieren. Gerechtfertigt wird dieser Unfug mit zwei Vorwänden: Einerseits würde durch den frühen Beginn die gesamte Behandlung weniger aufwändig, und andererseits würden die Zahn- und Kieferstellungen sich ohne frühen Eingriff im Grundschulalter stetig verschlimmern, was nur mit einem frühen Behandlungsbeginn verhindert werden könne. Die Propaganda für die sogenannte Frühbehandlung wird in der griffigen Parole „je früher, desto besser“ zusammengefasst. Ja, warum dann nicht gleich kieferorthopädische Behandlung in utero, also im Mutterleib? Dann müsste der Aufwand doch NOCH geringer werden, oder? Die wissenschaftlichen Fakten zeigen dagegen eindeutig, dass die Behandlungsdauer wie auch die Behandlungskosten umso höher werden, je früher mit der kieferorthopädischen Behandlung begonnen wird. Ebenso ist nachgewiesen, dass die Zahn- und Kieferfehlstellungen sich im Alter von 6 bis 12 Jahren keineswegs wesentlich verstärken. Erschwerend kommt hinzu, dass die Wahrscheinlichkeit einer komplett neuen Diagnostik und Therapieplanung während der Behandlung mit allen nachfolgenden Kosten und Belastungen umso höher ist, je früher mit der kieferorthopädischen Behandlung begonnen wurde – es sprechen also alle Fakten gegen frühen Behandlungsbeginn.

Im Regelfall bleibt daher der Behandlungsbeginn im frühen bleibenden Gebiss mit 11-12 Jahren der  wissenschaftlich begründete Goldstandard. Das wahre Geheimnis, warum ausgerechnet Deutschland eine Hochburg der Frühbehandlung ist, ist dagegen leicht zu finden. In Deutschland werden keine Pauschalpreise für kieferorthopädische Behandlungen gezahlt, sondern einzelne Leistungen vergütet. Das bedeutet, dass der Arzt kaufmännisch am klügsten handelt, der die längsten und aufwändigsten Behandlungen macht. Da überrascht es nicht, dass kieferorthopädische Behandlungen international durchschnittlich 1-2 Jahre dauern, in Deutschland dagegen 3-4 Jahre. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Großteil der sogenannten Frühbehandlungen auch noch mit den fast durchweg veralteten herausnehmbaren Apparaturen durchgeführt wird – diese werden international kaum noch genutzt und wissenschaftlich weder erforscht noch weiter entwickelt, weil festsitzende Apparaturen fast durchweg effizienter, wirtschaftlicher und patientenfreundlicher sind. Herausnehmbare Apparate sind trotz ihrer Minderwertigkeit jedoch der Goldesel der deutschen Kieferorthopäden, denn mit keiner anderen zahnärztlichen Technik lassen sich derartig hohe Gewinne generieren wie mit diesen simplen, leicht zu beherrschenden Zahnspangen. Wenn deutsche Kieferorthopäden also ihren geliebten Glaubenssatz „je früher, desto besser“ abspulen, denken sie an ihren wirtschaftlichen Gewinn, aber sicher nicht an das Wohl ihrer Patienten.

Rat für Eltern: später Behandlungsbeginn ist besser für’s Kind

Eltern kann nur geraten werden, den Einflüsterungen für einen frühen Behandlungsbeginn im Grundschulalter zu widerstehen, so scheinbar plausibel sie auch daherkommen mögen. Weit über 90% der Kinder mit kieferorthopädischem Behandlungsbedarf sind mit einem Behandlungsbeginn im frühen bleibenden Gebiss im Alter von 11-12 Jahren am besten bedient. Ausnahmen sind Kreuzbisse von Frontzähnen, vollständige seitliche Kreuzbisse mit Seitabweichung des Unterkiefers und einige weitere, sehr seltene Befunde. Alle anderen Fälle profitieren von einem frühen Behandlungsbeginn in keiner Weise, sondern büßen diesen vielfältig. Einfache Regel ist, normalerweise bis zum Durchbruch aller bleibenden Zähne abzuwarten, bevor kieferorthopädische Maßnahmen begonnen werden.