Frühbehandlung in der Kieferorthopädie – der große Schwindel

Es ist international Goldstandard, die kieferorthopädische Behandlung Heranwachsender im frühen bleibenden Gebiss zu beginnen. Die Patienten sind dann etwa 11-12 Jahre alt und alle bleibenden Zähne sind vorhanden. Bei diesem Befund können die meisten jungen Patienten mit einer einzigen festsitzenden Apparatur in durchschnittlich ca. 18 Monaten behandelt werden. Vor diesem Zeitpunkt sind stets noch Milchzähne vorhanden und viele bleibende Zähne nicht durchgebrochen, so dass sie kieferorthopädisch nicht bewegt werden können. Schon deshalb ist eine kieferorthopädische Behandlung im Wechselgebiss, eine so genannte Frühbehandlung, grundsätzlich fragwürdig. Darüber hinaus ist eine kieferorthopädische Behandlung zum idealen Zeitpunkt mit 11-12 Jahren einfacher, weil der pubertäre Wachstumsschub naht, und kieferorthopädische Behandlungen in dieser Phase mit raschem Wachstum schneller gehen als in den Jahren davor.
Es gibt also kaum vernünftige Gründe, kieferorthopädische Behandlungen bereits im Grundschulalter zu beginnen. Leider ist genau das in Deutschland bis heute weit verbreitet: zahllose kieferorthopädische Behandlungen werden entgegen dem Stand der Wissenschaft bei Grundschulkindern zwischen 6 und 10 Jahren begonnen, obwohl sie noch zahlreiche Milchzähnen im Mund haben. Noch schlimmer ist, dass ein Großteil dieser sogenannten kieferorthopädischen Frühbehandlungen mit den meist veralteten herausnehmbaren Zahnspangen durchgeführt wird. Herausnehmbare Zahnspangen können von den jungen Patienten gar nicht so viel getragen werden, wie es eigentlich nötig wäre, so dass solche Behandlungen zu 30-50% mit Misserfolgen enden. Und selbst wenn Behandlungseffekte erzielt werden, so sind diese meist bescheiden und die Ergebnisse so schlecht, dass anschließend doch eine festsitzende Apparatur eingesetzt werden muss.
Es ist interessant zu wissen, dass kieferorthopädische Frühbehandlungen mit herausnehmbaren Apparaten in den meisten anderen entwickelten Ländern weitgehend verschwunden sind. Das selbe gilt für die meisten herausnehmbaren Zahnspangen, die in anderen Ländern kaum noch genutzt werden. Ebenso ist es eine deutsche Besonderheit, dass bei uns fast alle Kieferorthopäden ein eigenes Labor betreiben, in dem herausnehmbare Zahnspangen hergestellt werden. Ein Eigenlabor ist in anderen Ländern dagegen unbekannt – kein Wunder, denn große Mengen herausnehmbarer Apparate brauchen die Kollegen in anderen Ländern nicht. Den frühen Behandlungsbeginn und die verbreitete kieferorthopädische Frühbehandlung mit herausnehmbaren Zahnspangen bezahlen Patienten und Eltern teuer: mit überlanger Behandlungsdauer, zahlreichen Misserfolgen und Behandlungsabbrüchen, nicht zuletzt aber mit unnötig hohen Kosten.
Und genau da liegt der eigentliche Grund für die antiquierte Behandlungsweise in der deutschen Kieferorthopädie. Durch die deutsche Gebührenordnung sind Behandlungen mit herausnehmbaren Apparaten etwa doppelt so profitabel wie mit festsitzenden. Die Behandlung mit herausnehmbaren Apparaten erfordert so wenig Wissen, Können und körperliche Anstrengung, dass sie dem uralten Menschheitstraum eines arbeitsfreien Einkommens schon recht nahe kommt. Damit wird auch verständlich, warum viele deutsche Kieferorthopäden potentielle junge Patienten am Liebsten schon mit 6 Jahren sehen wollen und glühend für Frühbehandlungen werben. „Je früher, desto besser“, heißt es dann, und man könne „mit frühem Behandlungsbeginn die kieferorthopädische Behandlung weniger aufwändig“ gestalten. Da wird erst einmal ein paar Jahre „früh“ behandelt, und danach noch ein paar Jahre „richtig“ – einfacher wäre es doch, klug abzuwarten und nur einmal zu behandeln, oder? Solche Aussagen von Kieferorthopäden zur Frühbehandlung sind in der Regel leicht als von wirtschaftlichem Interesse geleitet zu durchschauen.
Nur bei ganz wenigen kieferorthopädischen Befunden gibt es Ausnahmen: dazu zählen vor allem der verkehrte Überbiss von Frontzähnen oder auch der schmale Oberkiefer mit komplettem seitlichen Kreuzbiss. In solchen Fällen und bei einigen anderen, seltenen Befunden kann eine frühe Behandlung gerechtfertigt sein. Das sollte dann aber nicht mehr als jedes zwanzigste Kind betreffen – und die Behandlung sollte in der Regel mit festsitzenden Apparaten durchgeführt werden, die sicher und schnell zum Erfolg führen!