Die Funktionskieferorthopädie

Die so genannte Funktionskieferorthopädie ist eine von Viggo Andresen 1935 publizierte Behandlungsweise mit dem Aktivator, die später um eine unüberschaubare Zahl von Aktivator-Klonen (Bionator, Gebissformer, Kinetor, Funktionsregler etc.) erweitert wurde. Neben Andresen hat sich vor allem der Österreicher Karl Häupl um die Funktionskieferorthopädie bemüht. Beide Autoren zusammen haben die Andresen-Häupl’sche Lehre unter dem Schlagwort Funktionskieferorthopädie entwickelt, die für Jahrzehnte wirkmächtig wurde.

Die Verfechter der Funktionskieferorthopädie glaubten, ein vollkommen neues, „biologisches“ und „kausal wirksames“ Wirkprinzip der Kieferorthopädie gefunden zu haben, dass sie der bis dahin vorherrschenden, als mechanistisch empfundenen Orthodontie gegenüberstellten. Sie nahmen an, dass mit großvolumigen Doppelspangen wie dem Aktivator die Funktion der Kaumuskulatur und der mimischen Muskulatur nachhaltig verändert werden könnte. Die verbesserte Muskelfunktion würde ihrerseits alle abweichenden Zahn- und Kieferfehlstellungen korrigieren, gleichsam auf ganz „natürlichem“ Weg. Zunächst war dies nur eine, wenn auch schlecht begründete, wissenschaftliche Hypothese. Nicht zufällig setzte sich die Funktionskieferorthopädie jedoch unter den politischen Bedingungen des Deutschland der 30er Jahre radikal gegen die vorherrschende Orthodontie durch. Die regierenden Nationalsozialisten wollten aus der Alternativmedizin und einigen wissenschaftlichen Versatzstücken eine eigene, deutsche Heilkunde entwickeln. In diese Planung passte die so genannte Funktionskieferorthopädie sehr gut: sie setzte sich radikal von der bisher vorherrschenden, als „mechanistisch“ verurteilten Orthodontie ab und verhieß den Aufbruch zu neuen, „ganzheitlichen“ Ufern. Der Erfinder des Aktivators, Viggo Andresen, forderte in der Sprache dieser Zeit, die bisherige Orthodontie „auszurotten“.

 

Der Siegeszug der Funktionskieferorthopädie in Deutschland

Mit dieser Forderung hatte er leider durchschlagenden Erfolg, denn daraufhin erfolgte für Jahrzehnte kein Unterricht mehr mit den leistungsfähigen festsitzenden Zahnspangen an deutschen Universitäten. An der Universität Frankfurt wurden in den 40er Jahren jegliche aktive Behandlungsmittel, sogar Coffin-Federn an Aktivatoren zur Dehnung der Zahnbögen, verboten, weil man glaubte, allein der Plastikklotz des Aktivators und magische Kräfte würden alles richten. Die Verzweiflung der dortigen Kieferorthopäden, auch kleinste Zahnstellungsabweichungen nicht mehr effektiv korrigieren zu können, muss groß gewesen sein. Unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur war die deutsche Kieferorthopädie damit für Jahrzehnte auf ein sektiererisches, weltfremdes Gleis geraten. Noch schlimmer ist aber, dass die dumpfe Mythenwelt der Funktionskieferorthopädie noch bis in die 70er Jahre, teilweise sogar bis heute nachwirkt. Es besteht zwar kein Zweifel, dass mit funktionskieferorthopädischen Zahnspangen wie dem Aktivator unter günstigen Umständen Behandlungseffekte erzielt werden können, wenn diese auch meist recht bescheiden sind. Die Funktionskieferorthopädie als dogmatisches Lehrgebäude steht dagegen in einer Reihe mit dem Lyssenkoismus in der Sowjetunion und der „Deutschen Physik“ im nationalsozialistischen Deutschland. Sie ist ein durch politische Gewalt gelenkter, wissenschaftlicher Irrweg.

 

Die Fakten

In der kieferorthopädischen Behandlung wird mit Kräften und Drehmomenten gearbeitet, die durch eine Zahnspange auf die Zähne übertragen wird. Diese sind mehr oder weniger effizient, primär beeinflusst wird aber stets der Zahn, der durch den Knochen bewegt wird. Die „funktionskieferorthopädische“ Hypothese, durch Änderung der Muskelfunktion alle Zahn- und Kieferfehlstellungen indirekt und viel effektiver zu beheben, kann heute als unsinnig zurückgewiesen werden. Genauso unbelegt und falsch ist die Vorstellung, dass eine herausnehmbare Zahnspange, die im Grunde nur ein Plastikklotz ist, auf „biologische“, „ganzheitliche“ Weise irgendetwas anders erreichen könne, als eine festsitzende Zahnspange. Das haben schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die klügeren Köpfe der europäischen Kieferorthopädie nicht für möglich gehalten. Wenn man z.B. Artikel der dänischen Koryphäe Arne Björk um 1960 liest, findet man eine nüchterne, ablehnende Beurteilung der Funktionskieferorthopädie bereits gut begründet. Heute ist wissenschaftlich etabliert, dass mit der Funktionskieferorthopädie weder die Muskelfunktion noch das Wachstum wesentlich geändert werden können. Der Begriff der Funktionskieferorthopädie ist damit selbst substanzlos geworden und sollte nicht mehr verwendet werden.

 

Warum heißt es eigentlich Kieferorthopädie?

Bis in die 30er Jahre hinein hieß das Fach auf deutsch wie in den meisten anderen Sprachen auch Orthodontie, übersetzt etwa Zahnkorrektur. Das war den deutschen „Funktionskieferorthopäden“ natürlich zu bescheiden, und im Licht ihrer neuen Hypothesen nannten sie das Fach in Kieferorthopädie um. Hintergrund ist ihr Glaube, dass Schädel- und Gesichtswachstum unter der Herrschaft ihrer kleinen, damals aus Kautschuk gefertigten Zahnspangen stünden. Der Gipfel des Einflusses der „Funktionskieferorthopäden“ zeigte sich zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals gelang es, Tom Graber, den Herausgeber des American Journal of Orthodontics (AJO) zur Umbenennung der Zeitschrift in American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics (AJODO) zu bewegen. Diese falsche und irreführende Titulierung müsste im Licht des heutigen Kenntnisstands wieder rückgängig gemacht werden: wir sind definitiv keine Kieferorthopäden, sondern nur ganz bescheidene Orthodonten. Wenn Kieferorthopäden wenigstens das beherrschten: Orthodontie, also Zähne gerade zu machen, würden sie der Öffentlichkeit einen größeren Dienst erweisen als mit unsubstantiierten größeren Ansprüchen.

 

Dear american colleagues: please rename the AJODO in AJO, it’s proper and correct name!