Kiefergelenkknacken ist keine Erkrankung

Viel häufiger als die Arthritis und die Arthrose tritt ein Knackgeräusch der Kiefergelenke auf. Das Knacken der Kiefergelenke geht meistens auf eine vordere Lage der Gelenkscheibe – in der Fachsprache: des Diskus – zurück. Der Diskus liegt beim Kiefergelenk im Idealfall genau zwischen dem Kiefergelenkköpfchen und der Gelenkfläche des Schädels. Der Diskus wird durch die Gelenkkapsel und Bänder mit Gelenkkopf und Schädelbasis verbunden und stabilisiert.

Bei vielen Menschen dehnen sich die Gelenkkapsel und die hinteren Bänder des Kiefergelenks im Lauf des Lebens etwas. Als Folge verlagert sich der Diskus dann nach vorne. Bei der Kieferöffnung gleitet dann das Kiefergelenkköpfchen wieder unter den Diskus, wobei ein Knackgeräusch entstehen kann. Beim Kieferschließen rutscht der Diskus meistens ohne Geräusch wieder vom Gelenkköpfchen herunter.

Frühere Auffassung: Knacken ein Alarmsignal

Früher wurde verbreitet angenommen, dass das Kiefergelenkknacken eine Erkrankung sei, da dieser Befund immer zur Arthritis und Arthrose des Kiefergelenks führen würde. Auf Grund der Annahme einer stetigen Abwärtsentwicklung mit fatalem Ende wurden oft sehr teure und invasive Therapien zur Vorbeugung verkauft. Bis heute stellt das Auftreten eines Knackens im Kiefergelenk für viele Ärzte eine nicht zu widerstehende Versuchung dar, aufwändige diagnostische und therapeutische Verfahren anzubieten.

Heutige Auffassung: Knackgeräusch ist harmlos

Heute weiß man jedoch, dass das Kiefergelenkknacken keine Erkrankung, sondern nur ein diagnostisches Zeichen für eine vordere Diskuslage ist. Eine solche Diskuslage findet sich nach Magnetresonanztomogramm (MRT)-Untersuchungen bei rund einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung, ohne dass es bei einem größeren Teil der Betroffenen zu Erkrankungen käme. Die vordere Diskuslage und das oft mit ihr verbundene Knackgeräusch im Kiefergelenk sind also eher ein friedlicher Hausgast als ein bedrohlicher Eindringling.

Tatsächlich kann es in vielen anderen der rund 300 menschlichen Gelenke ebenfalls zu Geräuschbildung wie Knacken kommen, ohne dass sich dafür irgendjemand interessieren würde. Das Kiefergelenk hat einfach das Pech, nahe am Innenohr zu liegen, so dass Betroffene Knackgeräusche dieses Gelenks über die Knochenleitung sehr stark wahrnehmen. So erklärt sich auch, dass in medizinischen Datenbanken fast 100% der Einträge zu Gelenkknacken auf das Kiefergelenk bezogen sind.

Betroffene Patienten sind wegen des gut wahrnehmbaren Geräuschs oft in großer Sorge. Ihnen können wir mit bestem Gewissen sagen, dass das Kiefergelenkknacken einfach ignoriert werden kann und in aller Regel keinerlei Folgeerkrankungen mit sich bringt. Das Geräusch verändert sich meistens im Lauf der Zeit, kann stärker oder schwächer werden, häufig auch ganz verschwinden. In keinem Fall sollte das Knacken Anlass zu ernster Sorge sein.

Tip: Ganz wichtig ist, den Einflüsterungen geschäftstüchtiger Heilberufler zu widerstehen und auf keinen Fall teure und invasive Therapien wegen eines banalen Kiefergelenkknackens vornehmen zu lassen! Ebenso sollte auf eine MRT-Untersuchung grundsätzlich verzichtet werden, wenn nicht eine andere rechtfertigende Indikation für diese Aufnahme besteht.