Aktivator

Der Aktivator ist die erste „funktionskieferorthopädische“ Zahnspange, die international wahrgenommen wurde. Davor gab es bereits die „jumping-the-bite appliance“ von Kingsley (1879) und den Monobloc von Robin (1902), die aber ohne großen Einfluß blieben. Die erste Publikation über den Aktivator erfolgte 1935 durch Viggo Andresen. Der herausnehmbare Aktivator ist eine Zahnspange, die beide Zahnbögen gleichzeitig umfasst (Doppelspange). Er wird so hergestellt, dass der Unterkiefer durch den Einbiss in den Aktivator verlagert wird. Lange Zeit glaubten viele Kieferorthopäden in Europa, mit dem Aktivator die Funktion der Muskulatur und damit das Wachstum des Unterkiefers steuern zu können. Eine therapeutische Veränderung der Muskelfunktion durch den Aktivator – ebenso wie durch ähnliche Doppelspangen aller Art – gehört jedoch eher ins Reich der Legende. Durch die neuere Forschung seit 1995 ist auch klar geworden, dass eine bleibende Beeinflussung des Gesichtsschädels mit Doppelspangen wie dem Aktivator kaum in der Größenordnung eines Millimeters möglich ist. Die Therapieeffekte des Aktivators gehen daher letzten Endes nicht über die der festsitzenden Zahnspangen hinaus, aber die Behandlung dauert wesentlich länger und die Ergebnisse sind ohne anschließende feste Zahnspange meistens nicht vorzeigbar.

Da der Aktivator stark beim Sprechen hindert und deshalb sozial sehr belastend ist, tragen die meisten Patienten diese Zahnspange nicht ausreichend, so dass 30-50% der Behandlungen mit Misserfolg enden. Auch wenn Andresens Hypothesen sich damit als Trugschlüsse erwiesen haben, ist der Aktivator in Deutschland immer noch eine der beliebtesten Zahnspangen zumindest bei den Kieferorthopäden, da seine Anwendung wenig Können und ebenso wenig Mühe erfordert, aber hochprofitabel ist. Weniger beliebt ist der Aktivator bei den jungen Patienten. Diese wehren sich auf ihre Weise gegen das lästige Gerät und tragen den Aktivator nur nachts, womit in der Regel kaum Effekte zu erreichen sind.

Picture gallery of horror from the “great” times of activator treatments.

Bildergalerie des Schreckens aus der großen Zeit der Aktivatorbehandlung

Aktivator-Modifikationen

In den 50er und 60er Jahren hat jeder deutsche Kieferorthopäde, der etwas auf sich hielt, eine eigene Doppel-Zahnspange unter seinem Namen vorgestellt, die doch nur alle Variationen des Aktivators ohne wirkliche Wirkungsunterschiede waren. Hierzu zählen der Bionator nach Balters, der ein etwas verkleinerter Aktivator ist, der elastisch-offene Aktivator nach Klammt, der Gebissformer nach Bimler (beides skelettierte Aktivatoren mit vielen Drahtelementen) und der U-Bügel-Aktivator nach Karwetzky, ein zweigeteilter, durch einen U-förmigen Draht verbundener Aktivator. Die Liste solcher Zahnspangen ließe sich beliebig fortsetzen und ist mehr ein Demonstration persönlicher Eitelkeit als eine Bereicherung der Kieferorthopädie. Ein Außenseiter ist in dieser Reihe der Funktionsregler nach Fränkel, der nur noch aus Drähten und Plastikschilden im Mundvorhof besteht. Dieser vereint besondere Lästigkeit mit höchster Ineffizienz, hat unter Kieferorthopäden gleichwohl seine Freunde. Leider wird ausgerechnet der Funktionsregler in den letzten Jahren wieder verstärkt aus der Mottenkiste geholt, begleitet von – nie belegten – Behauptungen, mit diesem Gerät den Gesichtsschädel dauerhaft verändern zu können. Wie beim Aktivator liegt dies aber jenseits der Wirkung herausnehmbarer Zahnspangen.

Während alle vorgenannten Zahnspangen veraltet sind und Kindern nicht mehr zugemutet werden sollten, ist die große Ausnahme die Kombination des Aktivators mit einem Headgear. Wieder haben verschiedene Autoren ihre eigenen Aktivator-Headgear Kombinationen publiziert (Teuscher-Aktivator, Van Beek-Aktivator, Bass-Apparatur, Dynamax, Hansaplatte usw. usf.) Im Grunde sind sich die meisten dieser Designs so ähnlich, dass man allgemein von Aktivator-Headgear-Kombinationen sprechen kann. Diese Apparate haben durch den Hochzug-Headgear ein zusätzliches Wirkprinzip und sind so effizient, dass selbst mit nur nächtlichem Tragen fast jeder Rückbiss mit vernünftiger Behandlungszeit korrigiert werden kann.

Aktivator mit Hochzug

Patientin mit Aktivator/Hochzug

Eine weitere auch heute noch vertretbare Doppelspange zur Korrektur des Rückbisses ist der Twinblock. Dieser sollte allerdings den ganzen Tag getragen, führt dann aber zu sehr kurzen Behandlungszeiten. Der Twinblock ist die Standardapparatur für Rückbisspatienten in Grossbritannien. Wenn der Twinblock ganztags getragen wird, ist er äußerst effizient und kann fast jeden Rückbiss in 9-12 Monaten korrigieren – dafür braucht es mit einem Aktivator oft Jahre! Wie alle herausnehmbaren Zahnspangen ist der Twinblock allerdings auch mit einer recht hohen Misserfolgsquote belastet.