Dysgnathiechirurgie

Ein Teil der Kieferchirurgie, der sich mit der chirurgischen Verlagerung ganzer Kiefer oder Kieferteile bei ausgeprägten Abweichungen der Kieferstellung befasst. Der häufigste Eingriff ist die Verlagerung des Unterkiefers nach vorne, hinten oder zur Seite, die heute meistens als bisagittale Splitosteotomie durchgeführt wird (BSSO). Bei der BSSO wird der Unterkiefer beidseits im aufsteigenden Ast durchtrennt, worauf das zahntragende Mittelteil verlagert werden kann. Die drei Fragmente werden dann mit chirurgischen Schrauben oder Platten wieder fixiert. In der Nachsorge werden die Kiefer oft mit Drähten oder starken Elastics zueinander fixiert. Während einige Kieferchirurgen dies überhaupt nicht mehr machen, kann die Zeit der sogenannten Verschnürung bei anderen von einer bis zwei Wochen andauern. Neben allen allgemeinen Operationsrisiken hat die BSSO zwei spezielle Risiken: die Schädigung des Unterkiefernerven (dritter Ast des N. trigeminus) und die Schädigung des Kiefergelenks. Der Unterkiefernerv innerviert die Zähne, die Unterlippe und einen Teil des Kinns, nicht aber die Muskulatur, die durch den Gesichtsnerven versorgt wird und nie geschädigt wird. Kommt es zu einer Schädigung, äußert sich das meist durch verringertes Gefühl oder Taubheit der Unterlippe, meist einseitig. Diese Erscheinung bildet sich im ersten Jahr nach der Operation meistens zurück. Geringfügige Beeinträchtigungen sind vielleicht bei einem Viertel der Patienten zu verzeichnen, während schwere Beeinträchtigungen sehr selten sind. Am Kiefergelenk kommt es anschließend nicht selten zu leicht eingeschränkter Beweglichkeit, gelegentlich auch zu Schmerzen und Knacken. Der zweithäufigste Eingriff ist die LeFort-I-Osteotomie im Oberkiefer. Dabei wird der Oberkiefer in Höhe des Nasenbodens vorsichtig vom Schädel gelöst. Verbunden bleibt der Oberkiefer nur über das Weichgewebe des Gaumens, durch das auch die Nervenbahnen und die Blutversorgung ziehen. Nach Ablösung kann der Oberkiefer prinzipiell in alle Raumrichtungen versetzt oder gedreht werden, um danach gleich wieder mit chirurgischen Platten fixiert zu werden. Anders als bei der BSSO im Unterkiefer bestehen hier keine speziellen Risiken. BSSO und LeFort-I-Osteotomie werden auch häufig auf einmal durchgeführt, weil damit oft bessere Ergebnisse zu erreichen sind als mit den Eingriffen in nur einem Kiefer. Beide Eingriffe sind seit ihrer Einführung ständig verbessert worden und inzwischen seit Jahrzehnten Routine. Wichtig für die Abwägung von Risiken, Belastungen und möglichem Nutzen ist, dass es sich in aller Regel um Wahleingriffe handelt, für die keine zwingende Indikation vorliegt. Patienten sollten also stets gut aufgeklärt selbst ihre persönliche Entscheidung treffen, ob sie einen dysgnathiechierugischen Eingriff wünschen.