Funktionsregler nach Fränkel – eine obsolete Zahnspange

Der Funktionsregler nach Fränkel ist eine so genannte funktionskieferorthopädische Apparatur und dient der Bissverschiebung beim Rückbiss (Funktionsregler II) und beim Vorbiss des Unterkiefers (Funktionsregler III). Weniger verbreitet war der Funktionsregler bei Platzmangel der Zähne (Fränkel I ) und beim offenen Biss (Fränkel IV). Unter den zahllosen herausnehmbaren Zahnspangen, die mit dem Wirkprinzip des Aktivators arbeiten, ist der Funktionsregler eine Besonderheit, weil er nur aus Plastikschilden im Mundvorhof und Drahtelementen besteht. Der Funktionsregler ist damit nicht nur an den Zähnen, sondern zum Teil an den Weichteilen, also Lippen und Wangen verankert. Die Idee dahinter war, dass die Bisskorrektur dank der Verankerung an den Weichteilen weniger durch Zahnbewegung, sondern überwiegend durch Beeinflussung des Kieferwachstums bewirkt würde. Diese Hypothese hat der wissenschaftlichen Überprüfung jedoch nicht Stand gehalten, denn tatsächlich unterscheiden sich die Effekte des Funktionsreglers nach Fränkel kaum von anderen „funktionskieferorthopädischen“ Apparaturen.

Der allgemein hoch respektierte und äußerst redliche Erfinder Fränkel ist einer der wenigen unter den großen alten Männern der deutschen Kieferorthopädie, der sich die Mühe gemacht hat, Englisch zu lernen und mit seinen Studien regelmäßig auf europäischen und amerikanischen Kongressen aufzutreten. Gleichzeitig hat er in Zwickau ein eigenes wissenschaftliches Institut aufgebaut und unermüdlich kieferorthopädisch behandelt, geforscht und publiziert. Seine kieferorthopädische Tätigkeit, seine Aktivitäten als Lehrer und Forscher sind um so höher zu bewerten, als dass Fränkel in der damaligen DDR residierte und von den dortigen Machthabern nicht gerade Unterstützung erfuhr.

Aus der großen Zeit der Funktionskieferorthopädie: Funktionsregler nach Fränkel II

Aus der großen Zeit der Funktionskieferorthopädie: Funktionsregler nach Fränkel II

Die auffallend guten Ergebnisse seiner Studien erklären sich jedoch durch die gezielte Auswahl besonders guter Fälle, wie es Fränkel selbst ganz offen in seinen Lehrbüchern beschrieben hat. Es wurden nur Patienten in die Studien eingeschlossen, die einen entspannten Mundschluss nach der Behandlung aufwiesen, wörtlich  „had an unstrained competent lip seal at the end of retention“ bzw. „after treatment“ (in: Fränkel R, Fränkel C. Orofacial orthopedics with the function regulator, Karger, Basel 1989, S. 165 u. 200).  Es ist kein Wunder, gute Ergebnisse zu finden, wenn man nur die gelungenen Behandlungsfälle einbezieht. Fränkels Vorgehen war sicher keine bewusste Fälschung – sonst hätte er es nicht offen geschildert –  sondern bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der Kieferorthopädie durchaus üblicher Brauch. Die verbreitete Überschätzung der Wirkung des Funktionsreglers geht also schlicht auf die schlechte Methodik der damaligen Studien zurück. Aus diesem Grund konnten diese Ergebnisse bei zahlreichen klinischen Studien anderer Autoren auch nicht reproduziert werden. Insgesamt kann vom Funktionsregler nichts anderes gesagt werden als vom Aktivator: es ist ein hochgradig beeinträchtigendes, schwach wirksames Gerät. Die mit einem Funktionsregler behandelten jungen Patienten wissen sich im Übrigen meistens durch Nichttragen der Zahnspange zu wehren. Behandlungen mit dem Funktionsregler dauern ein Vielfaches üblicher kieferorthopädischer Behandlungszeiten, ohne dass ein besonderer Mehrnutzen nachgewiesen werden kann. Der Funktionsregler muss daher als veraltet bezeichnet werden und sollte heute keinem Kind mehr zugemutet werden.

Um so unverständlicher ist unter diesen Umständen, dass in den letzten Jahren der eigentlich nur noch historisch interessante Funktionsregler erneut ausgegraben wird – und das nicht nur von alternativmedizinischer Seite, sondern unter anderem auch von einer süddeutschen Universitätsklinik für Kieferorthopädie. Auch wenn Fränkels Ergebnisse in Dutzenden Studien anderer Autoren nicht bestätigt werden konnten, behauptet der dortige Hochschullehrer davon völlig unbeeindruckt ausgeprägte skelettale Effekte des Funktionsreglers. Auf welche Daten er sich dabei stützt, bleibt sein Geheimnis – wahrscheinlich ist es nur eine späte Folge der großen Verwirrung, die die Mythen- und Sagenwelt der Funktionskieferorthopädie in deutschen Kieferorthopädenköpfen hinterlassen hat.

Noch ein Bild aus den goldenen Zeiten: Funktionsregler nach Fränkel III

Noch ein Bild aus den goldenen Zeiten: Funktionsregler nach Fränkel III

Zur nichtsdestotrotz positiven Bewertung der Person des Autors Fränkel sei hinzugefügt, dass er die wissenschaftliche Entwicklung in der Kieferorthopädie durchaus zur Kenntnis genommen hat. In hohem Alter hat Fränkel im privaten Kreis offen darüber gesprochen, dass er bei den heutige Möglichkeiten der festsitzenden Zahnspangen nur noch einen Teil seiner Patienten mit einem Funktionsregler behandeln würde. Diese Größe ging leider den meisten anderen so genannten „Funktionskieferorthopäden“ ab, deren Dogmenwelt nicht durch wissenschaftliche Erkenntnisse zu erschüttern war.

Tip für Eltern: Akzeptieren Sie grundsätzlich keine kieferorthopädische Behandlung mit Funktionsreglern nach Fränkel, da es für alle Situationen leistungsfähigere Geräte gibt. Besonderes Mißtrauen ist angesagt, wenn Kieferorthopäden den veralteten Funktionsregler als letzten Schrei der Wachstumsbeeinflussung verkaufen wollen – da ist, wie wir oben gezeigt haben, nichts Wahres dran!