Herbst-Scharnier

Das Herbst-Scharnier ist eine festsitzende Zahnspange zur Behandlung des Rückbisses des Unterkiefers (in der Fachsprache: Distalokklusion oder Angle-Klasse II). Das klassische Herbst-Scharnier besteht aus zwei gegossenen Schienen, die auf die oberen und unteren Seitenzähne zementiert werden, und zwei Teleskopstangen, die den Unterkiefer nach vorne schieben. Die Beweglichkeit nach vorn, zur Seite und die maximale Mundöffnung bleiben erhalten, nur kann der Unterkiefer mit einem Herbst-Scharnier im Mund nicht mehr nach hinten gleiten.

Geschichte: Das Herbst-Scharnier wurde zuerst von Emil Herbst im Jahr 1931 publiziert, zunächst jedoch nicht beachtet und geriet für Jahrzehnte in Vergessenheit. Einer der Gründe dafür war die hohe Reparaturanfälligkeit der älteren Herbst-Scharniere, die mit den heutigen gegossenen Herbst-Scharnieren kein großes Problem mehr ist. Im Jahr 1979 hat Hans Pancherz es wieder entdeckt. Pancherz und viele andere Autoren haben seitdem so viele Studien über das Herbst-Scharnier veröffentlicht, das es eine der am besten erforschten Zahnspangen überhaupt ist.

Wirkung: das Herbst Scharnier wirkt wie ein 24 Stunden am Tag getragener Aktivator, genau genommen sogar noch besser, weil ein Aktivator nur bei geschlossenem Mund wirkt, ein Herbst dagegen immer. Aus diesem Grund können im Wachstumsalter die meisten Rückbisse des Unterkiefers in 9 Monaten korrigiert werden. Damit fackelt das Herbst Scharnier die langsame – oder oft ganz fehlende – Aktivator-Wirkung in einem Bruchteil der Zeit ab. Es ist daher eine sehr effektive Zahnspange. Wie bei den „funktionskieferorthopädischen“ Doppelspangen gilt beim Herbst, dass die Wirkung überwiegend durch Zahnbewegungen, weniger durch Beeinflussung des Wachstums zu Stande kommt. Und die geringen skelettalen Effekte verschwinden in den Jahren nach der Behandlung weitgehend wieder, so dass auf lange Sicht auch mit dem Herbst Scharnier keine wahrnehmbare Verlängerung des Unterkiefers erreicht werden kann. Nachdem das Herbst Scharnier traditionell nur in der Wachstumsphase eingesetzt wurde, wird es inzwischen auch bei Erwachsenen bis in das vierte Lebensjahrzehnt angewendet und kann eine Alternative zur Dysgnathiechirurgie sein.

Vorteile: extrem effektive Zahnspange, unabhängig von Mitarbeit
Nachteile: hoher Preis, immer noch eine gewisse Reparaturanfälligkeit, viel Doktor-Zeit notwendig, für manche Patienten unkomfortabel; nach Behandlung fast zwingend zweite Behandlungsphase mit Brackets notwendig.

Herbst-Klone: Das Wirkprinzip des Herbst Scharniers wurde inzwischen von dutzenden verschiedener Vorschubmechanismen nachempfunden. Einige ähneln dem Herbst Scharnier fast wie ein Ei dem anderen, z.B. die Eureka-Feder, das MALU-Gerät, die SUS-Feder und der Bio-Bite-Corrector, andere sind etwas elastischer, aber immer noch mechanisch fast gleich. Zu den letzteren gehören der Jasper Jumper, die Forsus Feder und der Bite Fixer (die Liste könnte fast endlos fortgeführt werden…). Der Vorteil vieler Herbst Klone ist, dass sie auf die Bracket-Zahnspange aufgeklipst werden, so dass alle Behandlungsaufgaben in einer einzigen Phase erledigt werden können, während beim Herbst-Scharnier zwei Behandlungsphasen notwendig sind. Dies wird allerdings mit dem Nachteil höherer Reparaturanfälligkeit erkauft, da es mit den herbst-Klonen häufiger zu Bracket- oder Drahtbruch kommt. Nichtsdestotrotz kann durch die geschickte Verwendung von Herbst-Klonen in den meisten Fällen die Behandlungszeit deutlich verringert und die Effizienz der Behandlung erhöht werden.

Rückbiss vor Einsatz eines Herbst-Scharniers

Rückbiss unmittelbar nach Einsetzen eines Herbst-Scharniers

Kieferbeweglichkeit mit dem Herbst-Scharnier