Myobrace – starke Werbung, bescheidene Ergebnisse

Myobrace sind eine ganze Reihe einfacher, präfabrizierter Zahnspangen, die alle einem Positioner ähnlich sehen. Sie werden von der Firma Myofunctional Research seit etwa 2010 mit zunehmendem Druck auch in Europa vermarktet. Fast jeder Kieferorthopäde erhält regelmäßig Werbung des Herstellers. Die vorgefertigten Myobrace-Apparate sollen vor allem für – grundsätzlich fragwürdige – kieferorthopädische Frühbehandlungen geeignet sein.

Myofunctional Research behauptet allerlei Wunderdinge, die mit den Myobrace-Apparaten zu erreichen seien: Myobrace würde „die eigentlichen Ursachen“ der Zahnfehlstellungen bereits im Grundschulalter angehen, während bei der traditionellen Behandlung mit 10-12 Jahren bereits „unumkehrbare Schäden“ entstehen könnten. Mit etwas Myobrace-Tragen und ein paar kleinen Übungen würden „schädliche Angewohnheiten und falsche Wachstumsmuster“ korrigiert, und damit könnten natürlich „ausgezeichnete Ergebnisse“ erreicht werden. Es versteht sich von selbst, dass Myofunctional Research meint, diese Wundereffekte seien natürlich auch einfacher, schneller und kostengünstiger zu erreichen als mit traditioneller kieferorthopädischer Behandlung.

Wenn auch nur die Hälfte davon stimmen würde, müsste jeder Kieferorthopädie dieses großartige Behandlungsverfahren anbieten. Bis vor kurzem gab es jedoch außer den blumigen Behauptungen von Myofunctional Research keinerlei veröffentlichte Studien, aus denen ein besonderer Nutzen der Myobrace hervorging. Dies hat sich zum Glück inzwischen geändert.

In einer soliden Studie aus Schweden wurde Myobrace mit einem altmodischen Aktivator verglichen. Es kam folgendes Ergebnis dabei heraus

  1. insgesamt war die Mitarbeit der Kinder mit beiden herausnehmbaren Apparaten eher schlecht
  2. die Mitarbeit mit dem Aktivator war besser
  3. der Aktivator war aber teurer herzustellen als Myobrace und benötigte auch einen Kieferabdruck
  4. die nicht besonders beeindruckenden Behandlungseffekte beider Apparate waren fast gleich

Wir können also zusammenfassen, dass diese Studie nicht gerade eine Einladung war, Myobrace-Apparate an Patienten zu verwenden!

Mehr Information über diese Studie unter: http://kevinobrienorthoblog.com/myofunctional-orthodontics-work-we-have-a-trial/

Čirgić, E., Kjellberg, H., & Hansen, K. (2015). Treatment of large overjet in Angle Class II: division 1 malocclusion with Andresen activators versus prefabricated functional appliances—a multicenter, randomized, controlled trial The European Journal of Orthodontics

Und es gibt eine zweite solide Studie aus Syrien, in der ebenfalls Myobrace, genau T4K (Trainer for Kids), mit dem guten, alten Aktivator verglichen wurde. Hier zeigten die Ergebnisse nach 12 Monaten Behandlung:

  1. die Verbesserungen waren mit dem Aktivator etwas größer als mit dem Myobrace-(T4K)-Apparat, und zwar sowohl im Punkt Zahnbewegung als auch in der Verbesserung der Kieferlage
  2. die Tragezeit war mit dem Aktivator generell besser, d.h. das Gerät wurde von den Kindern besser akzeptiert als das Myobrace
  3. die Autoren vermuten, dass die bessere Wirkung des Aktivators auf die längere Tragezeit zurückzuführen ist

Nähere Informationen über diese Studie unter:  http://kevinobrienorthoblog.com/myofunctional-appliances-interesting-results/

Ghassan Idris et al. Soft- and hard-tissue changes following treatment of Class II division 1 malocclusion with Activator versus Trainer: a randomized controlled trial. European Journal of Orthodontics, 2018, 1–8 doi:10.1093/ejo/cjy014

Zwei sehr gute Studien über Myobrace liegen also bis heute vor, und sie zeigen, dass Myobrace bis auf die niedrigeren Herstellungskosten gegenüber dem klassischen Aktivator nur Nachteile aufweist. War gegen Myobrace schon immer eine große Zurückhaltung angebracht, so können wir heute sagen, dass der Einsatz dieser Apparate schlicht fragwürdig ist. Ein großer Nutzen ist von diesen simplen Apparaten nur für zwei Parteien zu erwarten – den Hersteller und den verabreichenden Arzt. Einige Ärzte vermarkten leider Myobrace inzwischen genau so aggressiv wie der Hersteller – und alle zusammen ignorieren einfach die bescheidenen Ergebnisse dieser beiden Studien. Ehrlich ist das nicht! Der Patient sollte sich jedenfalls keinen Hoffnungen auf große therapeutische Gewinne hingeben.

Tip für Eltern: Finger weg von Myobrace!