Stellungnahme der DGKFO zum Bundesrechnungshof ist unehrlich und wissenschaftlich unhaltbar

Nachdem der Bundesrechnungshof in seinem Jahresbericht fehlende Versorgungsforschung und Nutzennachweise für die kieferorthopädische Behandlung in Deutschland moniert hatte, war die Aufregung groß. Die Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie (DGKFO), die wissenschaftliche Vereinigung von Kieferorthopäden in Deutschland, gab dazu am 26.04.2018 eine Presseerklärung ab, in der ausgeführt wurde, man unterstütze „ausdrücklich alle Bemühungen zur Verbesserung der Studienlage zu Nutzen und Wirksamkeit kieferorthopädischer Behandlungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen – eine qualitativ hochwertige Versorgungsforschung gehört dazu.“ Weiterhin begrüße die DGKFO, „dass der Bundesrechnungshof das Bundesgesundheitsministerium dazu auffordert, eine Versorgungsforschung im Bereich Kieferorthopädie anzustoßen“.

Diese Äußerungen sind wenig glaubwürdig, denn bereits im Jahr 2001 stellte der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen in seinem Bericht fest, dass trotz eines exorbitant hohen Versorgungsgrades und hoher jährlicher Ausgaben „Epidemiologie und Gesundheitsökonomie die Kieferorthopädie verglichen mit anderen Teilbereichen des Gesundheitswesens bisher eher stiefmütterlich“ behandelt hätten [1]. Versorgungsforschung ist die Untersuchung der Versorgung der Bevölkerung mit Gesundheitsleistungen und hat zum Gegenstand, wie und an wen medizinische Leistungen erteilt werden und welcher Nutzen dabei verzeichnet werden kann. Schlussendlich können aus der Versorgungsforschung Empfehlungen erwachsen, wie Mittel im Gesundheitswesen gezielt und nutzbringend verwendet werden können. Im Jahr 2001 konnte die deutsche Kieferorthopädie Fragen zur kieferorthopädischen Versorgung in Deutschland genauso wenig beantworten wie 2008, als der HTA-Bericht des DIMDI mit dem Titel „Mundgesundheit nach kieferorthopädischer Behandlung mit festsitzenden Apparaten“ erschien, in dem moniert wurde, dass es für einen gesundheitlichen Nutzen kieferorthopädischer Behandlungen keine Nachweise gäbe [2]. Wurde das Statement des Sachverständigenrats von 2001 von der DGKFO noch schlicht ignoriert, bemühte man sich jetzt zu einer Stellungnahme, in der angekündigt wurde, der Vorstand würde „auf seiner nächsten Sitzung Ende Mai über die Koordinierung und finanzielle Unterstützung eines multizentrischen Forschungsprojektes zum Thema Mundgesundheit und Kieferorthopädie auf EBM-Niveau beraten und zeitnah das geplante Projekt initiieren.“ [3]

Veröffentlicht ist seither jedoch bis heute, also 10 Jahre später, nichts dergleichen. Dabei gäbe es die dringliche Frage zu beantworten, warum in Deutschland der Versorgungsgrad mit kieferorthopädischer Behandlung allein im Rahmen der Gesetzlichen Krankenversicherung bei gut 60% liegt, wobei die besonders üppig versorgten privat Versicherten den Versorgungsgrad auf annähernd zwei Drittel jedes Jahrgangs erhöhen dürften. Dies ist eine exorbitant hohe Zahl und übersteigt z.B. den Versorgungsgrad in den wohlhabenden und mit hoch entwickelter Zahnmedizin ausgestatteten skandinavischen Ländern um das Doppelte. Dies ist nur damit zu erklären, dass in Deutschland zahllose gering ausgeprägte kieferorthopädische Befunde behandelt werden, bei denen weder ein gesundheitlicher Gewinn noch eine Verbesserung der Lebensqualität zu erwarten sind. Weiterhin wäre zu beantworten, warum in Deutschland die Hälfte der Behandlungszeit mit herausnehmbaren Apparaten bestritten wird [4], obwohl festsitzende Apparate schnellere und bessere Ergebnisse bringen. Auch dies monierte bereits 2001 der Sachverständigenrat [1], ohne dass dies irgendeinen Einfluss auf die kieferorthopädische Versorgung gehabt hätte. Es müsste eine Antwort auf die Frage gefunden werden, warum in Deutschland die kieferorthopädische Behandlung typischerweise mit drei bis vier Jahren etwa doppelt so lang dauert wie in vergleichbar entwickelten Ländern. Und schlussendlich sollte geklärt werden, wer einen Quotienten von Kieferorthopäden zu Bevölkerung von 1:20.000 braucht, wie er in Deutschland erreicht ist, während dieser Quotient in den üppig ausgestatteten skandinavischen Ländern bei 1:30.000 liegt, in Großbritannien gar bei 1:47.000?

Als einziges Argument für den gesundheitlichen Nutzen der Kieferorthopädie fällt der DGKFO die Verringerung des Risikos von Frontzahntraumen durch die kieferorthopädische Behandlung von großen Frontzahnüberbissen ein, die weltweit ursächlich „für über 200 Millionen Verletzungen pro Jahr mit entsprechenden Folgekosten“ seien. Zweifellos gibt es eine Korrelation von vergrößerten Frontzahnstufen und Trauma der oberen Frontzähne, wie es in mehreren Studien belegt werden konnte [5]. Daraus jedoch eine dringende Behandlungsindikation zu machen, erscheint doch etwas gewagt. So resümierten die Autoren einer randomisierten, kontrollierten Studie zur Frühbehandlung der Angle-Klasse II mit großem Frontzahnüberbiss, dass die spät behandelten Patienten tatsächlich geringfügig mehr Frontzahntraumen aufwiesen, was jedoch nicht einmal Signifikanzniveau erreichte. Vor allem aber stellten sie fest, dass die frühe Behandlung mit meistens einer zweiten Behandlungsphase im bleibenden Gebiss hohe Mehrkosten verursachte, während die Frontzahntraumen fast durchweg gering und ihre Behandlungen einfach und kostengünstig waren. Aus diesem Grund hielten die Autoren die frühe Behandlung der großen Frontzahnstufe nicht für sinnvoll, zumal diese bereits mit 6-7 Jahren und damit zu einem ungünstigen Zeitpunkt erfolgen müsste [6]. Ebenso wurde in einem systematischen Review festgestellt, dass 10 Kinder früh behandelt werden müssten, um bei einem einzigen Kind ein neues Frontzahntrauma zu verhindern [7]. Aus gesundheitsökonomischer Sicht erscheint die Frühbehandlung zur Reduktion der großen Frontzahnstufe daher nicht als indiziert.

Die Erklärung der DGKFO zum Statement des Bundesrechnungshofs ist ohne wissenschaftliche Fundierung und von tiefer Unehrlichkeit geprägt. Sie sind es doch, Kollegen Professoren, die die drängenden Fragen zur Versorgungsforschung in der Kieferorthopädie seit Jahrzehnten geschickt umschiffen. Der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen regte im Jahr 2001 nicht nur an, den Zugang zur kieferorthopädischen Behandlung durch Einführung klarer Kriterien zu verringern sowie die Honorierung in der Kieferorthopädie zu Gunsten der effizienten, aber schlechter honorierten festsitzenden Apparate umzuschichten. Zur Verringerung der angebotsseitigen Induktion von Nachfrage empfahl der Rat darüber hinaus „eine maßvolle Reduktion von Ausbildungskapazitäten“ und die frei werdenden Kapazitäten für die „Qualitätssteigerung der Forschung und Lehre zu nutzen“ [8]. Dem ist voll zuzustimmen, nur scheint all dies nicht auf der Agenda der DGKFO zu sein.

Und das wird wohl am Selbstverständnis der DGKFO liegen, da ihr nach Aussagen der damaligen Präsidentin Hirschfelder an „einer gedeihlichen Zusammenarbeit zwischen der wissenschaftlichen Gesellschaft und dem Berufsverband der Kieferorthopäden“ liegt. Der damalige Präsident-elect (und heutige Präsident) Lisson sekundierte „Abstimmung zwischen Wissenschaft und Standespolitik ist wichtig – Aufgaben der letzteren sollten aber nicht Teil der Arbeit der DGKFO werden“ [9]. Nichtsdestotrotz: die niedergelassenen Kieferorthopäden wollen die hohe Behandlungsquote und die für sie einträgliche Fehlversorgung mit herausnehmbaren Apparaten, da will die DGKFO doch kein Spielverderber sein!

  1. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Über-, Unter- und Fehlversorgung in der Kieferorthopädie. In: Gutachten 2000/2001, Band III. 14. Zahn-, Mund und Kieferkrankheiten. Bonn 2001. https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=337
  2. Frank, W., K. Pfaller, and B. Konta, Mundgesundheit nach kieferorthopädischer Behandlung mit festsitzenden Apparaten. HTA-Bericht 66, Deutsches Instituit für medizinische Information und Dokumentation (DIMDI), Köln 2008. https://portal.dimdi.de/de/hta/hta_berichte/hta205_bericht_de.pdf
  3. Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie. Stellungnahme der DGKFO zu dem  von  der  Deutschen  Agentur  für  HTA  (Health  Technology  Assessment) des   Deutschen   Instituts   für  Medizinische  Dokumentation  und   Information (DIMDI)    in    2008    veröffentlichten    Bericht    über Mundgesundheit    nach kieferorthopädischer Behandlung mit festsitzenden Apparaturen von W. Frank, K. Pfaller und B. Konta. 2008. https://www.dgkfo-vorstand.de/fileadmin/redaktion/veroeffentlichungen/DZWHTA050508.pdf
  4. Krey, K.F. and C. Hirsch, Frequency of orthodontic treatment in German children and adolescents: influence of age, gender, and socio-economic status. Eur J Orthod, 2012. 34: S. 152-7.
  5. Shulman, J.D. and J. Peterson, The association between incisor trauma and occlusal characteristics in individuals 8-50 years of age. Dent Traumatol, 2004. 20: S. 67-74.
  6. Koroluk, L.D., J.F. Tulloch, and C. Phillips, Incisor trauma and early treatment for Class II Division 1 malocclusion. Am J Orthod Dentofacial Orthop, 2003. 123: S. 117-25.
  7. Thiruvenkatachari, B., et al., Early orthodontic treatment for Class II malocclusion reduces the chance of incisal trauma: Results of a Cochrane systematic review. Am J Orthod Dentofacial Orthop, 2015. 148: S. 47-59.
  8. Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Fazit und Empfehlungen des Rates. In: Gutachten 2000/2001, Band III. 14. Zahn-, Mund und Kieferkrankheiten. Bonn 2001. https://www.svr-gesundheit.de/index.php?id=338
  9. Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie. DGKFO Mitgliederversammlung: Prof. Dr. Jörg Lisson einstimmig zum Präsident Elect gewählt. Presseerklärung vom 13.10.2016. https://www.dgkfo-vorstand.de/service/news/details/dgkfo-mitgliederversammlung-prof-dr-joerg-lisson-einstimmig-zum-praesident-elect-gewaehlt-5.html

MSA nach Bumann

Die Manuelle Strukturanalyse, kurz MSA, nach Bumann steht für eine Reihe von manuellen Techniken zur Untersuchung der Kiefergelenke. Manuelle (mit den Händen ausgeführte) Untersuchungstechniken sind vor allem in den USA und den Niederlanden, aber auch an vielen anderen Orten in der Welt entwickelt worden. Deshalb sind manuelle Techniken zur Untersuchung von Kiefergelenk und Kaumuskulatur in zahlreichen, leicht variierenden Formen auf der ganzen Welt verbreitet. Bumann hat eine Reihe von manuellen Untersuchungstechniken zu einem systematischen, umfangreichen Untersuchungsgang zusammengefasst und sie unter dem Namen manuelle Strukturanalyse verbreitet. Die MSA wird von vielen Zahnärzten und auch einigen Universitäten seit Jahren eingesetzt.

Einige der manuellen Untersuchungstechniken sind wissenschaftlich jedoch nicht gut belegt, bei anderen fehlt der Nachweis, was mit ihnen eigentlich genau untersucht wird (fehlende Spezifität). So ist zweifelhaft, welche Aussagekraft die 9 verschiedenen Kompressionsrichtungen des Kiefergelenks haben sollen, die in der MSA angegeben sind. Ebenso kritisch sind die vier unterschiedlichen Arten des Kiefergelenkknackens, die in der MSA beschrieben werden. Und schließlich ist die Theorie der „okklusalen Vektoren“, die in störenden Zahnkontakten direkte Ursachen für Erkrankungen des Kiefergelenks sehen will, lediglich eine Hypothese. Tatsächlich ist eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte, dass Zahnkontakte und Zahnstellung eine untergeordnete Rolle bei der Entstehung von Kiefergelenks- und Kaumuskelsymptomen spielen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass mit der Manuellen Strukturanalyse gesunde Patienten falsch als krank diagnostiziert werden.

Obwohl drei Viertel der craniomandibulären Dysfunktionen muskulären Ursprungs sind, konzentriert sich die MSA auf die Diagnostik von Erkrankungen des Kiefergelenks. Die Palpation der Muskulatur wird in der MSA dagegen relativ kurz abgehandelt. Die in der Schmerzdiagnostik sehr bedeutende Erhebung psychischer Belastungsfaktoren ist nicht Bestandteil der MSA. Die MSA ist deshalb als einachsiges, somatisches Diagnoseverfahren mit Schwerpunkt Gelenksdiagnostik einzuordnen.

Da der Autor Bumann in Deutschland einer der ersten war, der manuelle Untersuchungstechniken systematisiert und in zahlreichen Kursen gelehrt hat, ist die manuelle Strukturanalyse in Deutschland sehr weit verbreitet. Leider ist den Anwendern dabei meist nicht bewusst, dass es sich bei der MSA um eine Mischung aus einigen validierten, aber auch zahlreichen wenig validierten Untersuchungstechniken handelt. Obwohl die MSA sehr umfänglich und systematisch aufgebaut ist, ist ihre Einordnung als wissenschaftlich anerkanntes (validiertes) Diagnostikverfahren für craniomandibuläre Dysfunktionen (CMD) kritisch zu sehen.

Wissenschaftlich umfassend validiert sind dagegen die RDC/TMD (Research Diagnostic Criteria for TMD) bzw. die DC/TMD, die außerdem wesentlich weniger Untersuchungsschritte benötigen, um zu diagnostischen Aussagen zu kommen. Die RDC/TMD sind ein zweiachsiges Diagnostikverfahren, bei dem somatische und psychische Befunde gleichermaßen erhoben werden.

Die Funktionskieferorthopädie

Die so genannte Funktionskieferorthopädie ist eine von Viggo Andresen 1935 publizierte Behandlungsweise mit dem Aktivator, die später um eine unüberschaubare Zahl von Aktivator-Klonen (Bionator, Gebissformer, Kinetor, Funktionsregler etc.) erweitert wurde. Neben Andresen hat sich vor allem der Österreicher Karl Häupl um die Funktionskieferorthopädie bemüht. Beide Autoren zusammen haben die Andresen-Häupl’sche Lehre unter dem Schlagwort Funktionskieferorthopädie entwickelt, die für Jahrzehnte wirkmächtig wurde.

Die Verfechter der Funktionskieferorthopädie glaubten, ein vollkommen neues, „biologisches“ und „kausal wirksames“ Wirkprinzip der Kieferorthopädie gefunden zu haben, dass sie der bis dahin vorherrschenden, als mechanistisch empfundenen Orthodontie gegenüberstellten. Sie nahmen an, dass mit großvolumigen Doppelspangen wie dem Aktivator die Funktion der Kaumuskulatur und der mimischen Muskulatur nachhaltig verändert werden könnte. Die verbesserte Muskelfunktion würde ihrerseits alle abweichenden Zahn- und Kieferfehlstellungen korrigieren, gleichsam auf ganz „natürlichem“ Weg. Zunächst war dies nur eine, wenn auch schlecht begründete, wissenschaftliche Hypothese. Nicht zufällig setzte sich die Funktionskieferorthopädie jedoch unter den politischen Bedingungen des Deutschland der 30er Jahre radikal gegen die vorherrschende Orthodontie durch. Die regierenden Nationalsozialisten wollten aus der Alternativmedizin und einigen wissenschaftlichen Versatzstücken eine eigene, deutsche Heilkunde entwickeln. In diese Planung passte die so genannte Funktionskieferorthopädie sehr gut: sie setzte sich radikal von der bisher vorherrschenden, als „mechanistisch“ verurteilten Orthodontie ab und verhieß den Aufbruch zu neuen, „ganzheitlichen“ Ufern. Der Erfinder des Aktivators, Viggo Andresen, forderte in der Sprache dieser Zeit, die bisherige Orthodontie „auszurotten“.

 

Der Siegeszug der Funktionskieferorthopädie in Deutschland

Mit dieser Forderung hatte er leider durchschlagenden Erfolg, denn daraufhin erfolgte für Jahrzehnte kein Unterricht mehr mit den leistungsfähigen festsitzenden Zahnspangen an deutschen Universitäten. An der Universität Frankfurt wurden in den 40er Jahren jegliche aktive Behandlungsmittel, sogar Coffin-Federn an Aktivatoren zur Dehnung der Zahnbögen, verboten, weil man glaubte, allein der Plastikklotz des Aktivators und magische Kräfte würden alles richten. Die Verzweiflung der dortigen Kieferorthopäden, auch kleinste Zahnstellungsabweichungen nicht mehr effektiv korrigieren zu können, muss groß gewesen sein. Unter den Bedingungen der Nazi-Diktatur war die deutsche Kieferorthopädie damit für Jahrzehnte auf ein sektiererisches, weltfremdes Gleis geraten. Noch schlimmer ist aber, dass die dumpfe Mythenwelt der Funktionskieferorthopädie noch bis in die 70er Jahre, teilweise sogar bis heute nachwirkt. Es besteht zwar kein Zweifel, dass mit funktionskieferorthopädischen Zahnspangen wie dem Aktivator unter günstigen Umständen Behandlungseffekte erzielt werden können, wenn diese auch meist recht bescheiden sind. Die Funktionskieferorthopädie als dogmatisches Lehrgebäude steht dagegen in einer Reihe mit dem Lyssenkoismus in der Sowjetunion und der „Deutschen Physik“ im nationalsozialistischen Deutschland. Sie ist ein durch politische Gewalt gelenkter, wissenschaftlicher Irrweg.

 

Die Fakten

In der kieferorthopädischen Behandlung wird mit Kräften und Drehmomenten gearbeitet, die durch eine Zahnspange auf die Zähne übertragen wird. Diese sind mehr oder weniger effizient, primär beeinflusst wird aber stets der Zahn, der durch den Knochen bewegt wird. Die „funktionskieferorthopädische“ Hypothese, durch Änderung der Muskelfunktion alle Zahn- und Kieferfehlstellungen indirekt und viel effektiver zu beheben, kann heute als unsinnig zurückgewiesen werden. Genauso unbelegt und falsch ist die Vorstellung, dass eine herausnehmbare Zahnspange, die im Grunde nur ein Plastikklotz ist, auf „biologische“, „ganzheitliche“ Weise irgendetwas anders erreichen könne, als eine festsitzende Zahnspange. Das haben schon in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts die klügeren Köpfe der europäischen Kieferorthopädie nicht für möglich gehalten. Wenn man z.B. Artikel der dänischen Koryphäe Arne Björk um 1960 liest, findet man eine nüchterne, ablehnende Beurteilung der Funktionskieferorthopädie bereits gut begründet. Heute ist wissenschaftlich etabliert, dass mit der Funktionskieferorthopädie weder die Muskelfunktion noch das Wachstum wesentlich geändert werden können. Der Begriff der Funktionskieferorthopädie ist damit selbst substanzlos geworden und sollte nicht mehr verwendet werden.

 

Warum heißt es eigentlich Kieferorthopädie?

Bis in die 30er Jahre hinein hieß das Fach auf deutsch wie in den meisten anderen Sprachen auch Orthodontie, übersetzt etwa Zahnkorrektur. Das war den deutschen „Funktionskieferorthopäden“ natürlich zu bescheiden, und im Licht ihrer neuen Hypothesen nannten sie das Fach in Kieferorthopädie um. Hintergrund ist ihr Glaube, dass Schädel- und Gesichtswachstum unter der Herrschaft ihrer kleinen, damals aus Kautschuk gefertigten Zahnspangen stünden. Der Gipfel des Einflusses der „Funktionskieferorthopäden“ zeigte sich zu Beginn der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals gelang es, Tom Graber, den Herausgeber des American Journal of Orthodontics (AJO) zur Umbenennung der Zeitschrift in American Journal of Orthodontics and Dentofacial Orthopedics (AJODO) zu bewegen. Diese falsche und irreführende Titulierung müsste im Licht des heutigen Kenntnisstands wieder rückgängig gemacht werden: wir sind definitiv keine Kieferorthopäden, sondern nur ganz bescheidene Orthodonten. Wenn Kieferorthopäden wenigstens das beherrschten: Orthodontie, also Zähne gerade zu machen, würden sie der Öffentlichkeit einen größeren Dienst erweisen als mit unsubstantiierten größeren Ansprüchen.

 

Dear american colleagues: please rename the AJODO in AJO, it’s proper and correct name!

Frühbehandlung in der Kieferorthopädie – der große Schwindel

Es ist international Goldstandard, die kieferorthopädische Behandlung Heranwachsender im frühen bleibenden Gebiss zu beginnen. Die Patienten sind dann etwa 11-12 Jahre alt und alle bleibenden Zähne sind vorhanden. Bei diesem Befund können die meisten jungen Patienten mit einer einzigen festsitzenden Apparatur in durchschnittlich ca. 18 Monaten behandelt werden. Vor diesem Zeitpunkt sind stets noch Milchzähne vorhanden und viele bleibende Zähne nicht durchgebrochen, so dass sie kieferorthopädisch nicht bewegt werden können. Schon deshalb ist eine kieferorthopädische Behandlung im Wechselgebiss, eine so genannte Frühbehandlung, grundsätzlich fragwürdig. Darüber hinaus ist eine kieferorthopädische Behandlung zum idealen Zeitpunkt mit 11-12 Jahren einfacher, weil der pubertäre Wachstumsschub naht, und kieferorthopädische Behandlungen in dieser Phase mit raschem Wachstum schneller gehen als in den Jahren davor.
Es gibt also kaum vernünftige Gründe, kieferorthopädische Behandlungen bereits im Grundschulalter zu beginnen. Leider ist genau das in Deutschland bis heute weit verbreitet: zahllose kieferorthopädische Behandlungen werden entgegen dem Stand der Wissenschaft bei Grundschulkindern zwischen 6 und 10 Jahren begonnen, obwohl sie noch zahlreiche Milchzähnen im Mund haben. Noch schlimmer ist, dass ein Großteil dieser sogenannten kieferorthopädischen Frühbehandlungen mit den meist veralteten herausnehmbaren Zahnspangen durchgeführt wird. Herausnehmbare Zahnspangen können von den jungen Patienten gar nicht so viel getragen werden, wie es eigentlich nötig wäre, so dass solche Behandlungen zu 30-50% mit Misserfolgen enden. Und selbst wenn Behandlungseffekte erzielt werden, so sind diese meist bescheiden und die Ergebnisse so schlecht, dass anschließend doch eine festsitzende Apparatur eingesetzt werden muss.
Es ist interessant zu wissen, dass kieferorthopädische Frühbehandlungen mit herausnehmbaren Apparaten in den meisten anderen entwickelten Ländern weitgehend verschwunden sind. Das selbe gilt für die meisten herausnehmbaren Zahnspangen, die in anderen Ländern kaum noch genutzt werden. Ebenso ist es eine deutsche Besonderheit, dass bei uns fast alle Kieferorthopäden ein eigenes Labor betreiben, in dem herausnehmbare Zahnspangen hergestellt werden. Ein Eigenlabor ist in anderen Ländern dagegen unbekannt – kein Wunder, denn große Mengen herausnehmbarer Apparate brauchen die Kollegen in anderen Ländern nicht. Den frühen Behandlungsbeginn und die verbreitete kieferorthopädische Frühbehandlung mit herausnehmbaren Zahnspangen bezahlen Patienten und Eltern teuer: mit überlanger Behandlungsdauer, zahlreichen Misserfolgen und Behandlungsabbrüchen, nicht zuletzt aber mit unnötig hohen Kosten.
Und genau da liegt der eigentliche Grund für die antiquierte Behandlungsweise in der deutschen Kieferorthopädie. Durch die deutsche Gebührenordnung sind Behandlungen mit herausnehmbaren Apparaten etwa doppelt so profitabel wie mit festsitzenden. Die Behandlung mit herausnehmbaren Apparaten erfordert so wenig Wissen, Können und körperliche Anstrengung, dass sie dem uralten Menschheitstraum eines arbeitsfreien Einkommens schon recht nahe kommt. Damit wird auch verständlich, warum viele deutsche Kieferorthopäden potentielle junge Patienten am Liebsten schon mit 6 Jahren sehen wollen und glühend für Frühbehandlungen werben. „Je früher, desto besser“, heißt es dann, und man könne „mit frühem Behandlungsbeginn die kieferorthopädische Behandlung weniger aufwändig“ gestalten. Da wird erst einmal ein paar Jahre „früh“ behandelt, und danach noch ein paar Jahre „richtig“ – einfacher wäre es doch, klug abzuwarten und nur einmal zu behandeln, oder? Solche Aussagen von Kieferorthopäden zur Frühbehandlung sind in der Regel leicht als von wirtschaftlichem Interesse geleitet zu durchschauen.
Nur bei ganz wenigen kieferorthopädischen Befunden gibt es Ausnahmen: dazu zählen vor allem der verkehrte Überbiss von Frontzähnen oder auch der schmale Oberkiefer mit komplettem seitlichen Kreuzbiss. In solchen Fällen und bei einigen anderen, seltenen Befunden kann eine frühe Behandlung gerechtfertigt sein. Das sollte dann aber nicht mehr als jedes zwanzigste Kind betreffen – und die Behandlung sollte in der Regel mit festsitzenden Apparaten durchgeführt werden, die sicher und schnell zum Erfolg führen!