Kieferorthopädische Frühbehandlung: große Versprechungen, bescheidene Ergebnisse

Weltweit ist in der Kieferorthopädie bei Heranwachsenden Standard, mit dem Behandlungsbeginn abzuwarten, bis das bleibende Gebiss ausgebildet ist. Das Abwarten hat seine Logik, denn prinzipiell ist es fragwürdig, zuerst die Milchzähne zu bewegen, um nach dem Durchbruch der bleibenden Zähne auch noch diese zu korrigieren, was praktisch auf zwei Behandlungsgänge hinausläuft.

Besonders in Deutschland wird dagegen das historische Konzept der kieferorthopädischen Frühbehandlung hochgehalten. Die Anhänger dieses Konzepts behaupten, dank frühem Behandlungsbeginn im Grundschulalter das Wachstum des Gesichtsschädels beeinflussen zu können, sowie kürzere Behandlungszeiten und bessere und stabilere Ergebnisse zu erreichen. Da in Finnland ebenfalls jahrelang Frühbehandlung propagiert wurde, besteht hier ein reiches Feld, um diese Punkte zu überprüfen. Dafür haben finnische Forscher die kieferorthopädischen Behandlungen von 93 jungen Patienten nachträglich ausgewertet. Sie fanden dabei heraus, dass die am frühesten begonnenen Behandlungen (7-9 Jahre) insgesamt doppelt so lange dauerten, wie die spät begonnenen (12-13). Darüber hinaus benötigten die früh begonnenen Patienten fast die doppelte Anzahl von verwendeten Zahnspangen. Am schwersten wog aber, dass bei über der Hälfte der früh begonnenen Patienten während der Behandlung eine komplette Zwischendiagnostik und Neuplanung der Behandlung notwendig war.

In einer Auswertung der Behandlungskosten stellten die Autoren der Studie fest, dass nicht nur die Behandlungsdauer, sondern auch die Behandlungskosten bei den früh begonnenen Patienten am höchsten waren. Als wirtschaftlichstes Konzept erwies sich die späte Behandlung mit einer einzigen festsitzenden Apparatur – der Goldstandard in der Kieferorthopädie –, am unwirtschaftlichsten zeigte sich dagegen die Kombination von frühem Behandlungsbeginn und einer Abfolge mehrerer herausnehmbarer Zahnspangen. Es ist vor diesem Hintergrund interessant, dass gerade dieser, extrem unwirtschaftliche Behandlungsansatz in Deutschland bis heute propagiert wird. Einer der am meisten gehörten Sinnsprüche der deutschen Kieferorthopäden ist „je früher, desto besser“. Im Gegenteil muss man nach den Ergebnissen aus Finnland heute sagen, dass frühe Behandlung in den meisten Fällen unnötig belastend und unwirtschaftlich ist. Die Unsterblichkeit der Frühbehandlung für alle lässt sich zum Teil mit einem halsstarrigen Konservatismus, vor allem aber mit den wirtschaftlichen Interessen der Kieferorthopäden erklären, denn in Deutschland lässt sich pro Behandlungsstunde mit herausnehmbaren Apparaten der doppelte Gewinn wie mit festsitzenden erzielen. Dies ist eine durch Konstruktionsfehler der deutschen Gebührenordnung verursachte massive Fehlversorgung, die Jahr für Jahr Millionen kostet.

Statt hier auf Abhilfe durch den Gesetzgeber zu warten, können Patienten und Eltern selbst etwas tun: kieferorthopädische Behandlungen in der Regel erst ab 11 Jahren beginnen und auf eine Versorgung mit festsitzenden Apparaten bestehen!

Quellen:
Järvinen S, Widström E, Raitio M. Factors affecting the duration of orthodontic treatment in children. A retrospective study. Swed Dent J. 2004;28(2):93-100. PubMed PMID: 15272514

Järvinen S, Widström E. Determinants of costs of orthodontic treatment in the Finnish public health service. Swed Dent J. 2002;26(1):41-9. PubMed PMID: 12090159