Herausnehmbare oder feste Zahnspange?

Herausnehmbare oder festsitzende Zahnspangen sind keine echte Alternative, denn die Apparate haben eine sehr unterschiedliche Leistungsfähigkeit. Mit herausnehmbaren Geräten können viele notwendige Zahnbewegungen überhaupt nicht durchgeführt werden. Dazu gehören die Rotation von Zähnen außer den vier Schneidezähnen und die Verlängerung oder Verkürzung von Zähnen. Durch ihre beschränkte Wirksamkeit sind mit herausnehmbaren Zahnspangen grundsätzlich nur kippende Zahnbewegungen möglich, während sehr häufig eine körperliche Bewegung der Zähne mit Aufrichtung der Zahnwurzel notwendig ist.

Unnötig lange Behandlungsdauer

Dazu dauern die Behandlungen mit herausnehmbaren Zahnspangen in der Regel wesentlich länger, was die kleinen Patienten sehr belastet. Aber selbst bei guter Mitarbeit über viele Jahre  können mit herausnehmbaren Zahnspangen oft nur unbefriedigende Kompromissergebnisse erreicht werden, die für die jungen Patienten und ihre Eltern nicht akzeptabel sind.. Deshalb werden sie meistens von einer anschließend eingesetzten festsitzenden Zahnspange ergänzt – das ist jedoch meistens völlig unsinnig, weil die festsitzenden Zahnspangen Universalgeräte sind, mit denen alle Behandlungen ohne weitere Vorbehandlung ganz allein durchgeführt werden können.

Hohe Belastungen, viele Mißerfolge

Einer der zahlreichen Nachteile herausnehmbarer Zahnspangen ist, dass sie beim Sprechen hinderlich sind, was für die jungen Patienten sehr belastend ist. Schon aus diesem Grund werden herausnehmbare Zahnspangen in der Regel nicht ausreichend getragen. Es ist in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen worden, dass klassische herausnehmbare Zahnspangen von jungen Patienten nicht mehr als 10 Stunden getragen werden, während meistens 16 Stunden notwendig wären. Es ist daher nicht verwunderlich, dass zwischen einem Drittel und zwei Drittel der Behandlungen mit herausnehmbaren Zahnspangen mit Abbruch oder Misserfolg enden, und das oft nach jahrelanger, frustrierender Behandlung. Teuer und unwirtschaftlich ist die herausnehmbare Zahnspangen vor diesem Hintergrund natürlich auch noch! In zahlreichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass Behandlungen mit festsitzenden Zahnspangen kürzer dauern, bessere ergebnisse haben und auch noch weniger kosten. Eigentlich kann das niemand wollen: höhere Belastung, längere Behandlungszeit, schlechtere Ergebnisse, höhere Kosten – vor diesem Hintergrund ist es schon fast ein Rätsel, warum es herausnehmbare Spangen überhaupt noch gibt! Man könnte die Behandlungen schließlich auch gleich mit einer einzigen festsitzenden Zahnspange durchführen… aber das mag der deutsche Kieferorthopäde irgendwie nicht!

Schlechte Ausbildung und Profitstreben

Des Rätsels Lösung ist einerseits die in Deutschland oft schlechte Ausbildung der Kieferorthopäden, die sich oft noch an alten Vorstellungen aus den dreißiger bis sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts orientiert. Damals glaubte man, dass herausnehmbare Zahnspangen irgendeinen, nicht recht meßbaren Vorteil gegenüber den festsitzenden Apparaten hätten – dafür ließen sich allerdings niemals wissenschaftliche Beweise finden. Während sich dieses Problem mit dem Abtreten älterer Hochschullehrer langsam löst, bleibt andererseits unsere unsinnige Gebührenordnung, die lange Behandlungen mit herausnehmbaren Zahnspangen besser honoriert als die kurzen und intensiven Behandlungen mit festen Zahnspangen. Es ist klar, dass hier eine Fehlsteuerung von knappen Mitteln des Gesundheitswesens betrieben wird – zu Lasten der Beitragszahler und der kleinen Patienten. Deutsche Spangenkinder werden wegen der veralteten herausnehmbaren Apparate doppelt so lang behandelt wie Kinder in anderen europäischen Ländern, was mit saftigen Mehrkosten, aber keineswegs mit besseren Ergebnissen verbunden ist. Für die deutschen Kieferorthopäden sind die veralteten und ohne viel Wissen einsetzbaren herausnehmbaren Zahnspangen dagegen der Goldsesel. Mit nichts anderem in der gesamten Zahnmedizin läßt sich in kurzer Zeit so viel Geld verdienen wie mit dem Einsatz der herausnehmbaren Zahnspangen. Das Einsetzen herausnehmbarer Zahnspangen kommt dem uralten Menschheitstraums eines arbeitsfreien Einkommens zu nahe, so dass die meisten deutschen Kieferorthopäden dieser Verführung erliegen.

Festsitzende Zahnspange ist der Goldstandard

Aus den genannten Gründen ist die Behandlung mit festsitzenden Zahnspangen heute Standard: festsitzende Zahnspangen führen zu geringer Belastung, kürzerer Behandlungszeit und konstant guten Ergebnissen. Die Behandlungen sind für die Patienten wesentlich komfortabler, da die festsitzenden Zahnspangen nicht beim Sprechen behindern und mit ihnen normale Nahrungsaufnahme möglich ist. Und letzten Endes sind die festsitzenden Apparate auch wirtschaftlicher, weil sie regelmäßig und in kurzer Zeit zum Erfolg führen. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass in den meisten entwickelten Ländern herausmbare Zahnspangen kaum noch verwendet werden – nur in Deutschland hat interessanterweise jeder Kieferorthopäde ein eigenes labor mit Zahntechniker zur Herstellung herausnhembarer Zahnspangen, während dies in anderen Ländern völlig unbekannt ist.

Zwei Ausnahmen

Für diese Grundsätze gibt es zwei Ausnahmen: bei Heranwachsenden mit Rücklage des Unterkiefers und großem Überbiss der Schneidezähne ist eine einzige – aber wirklich nur eine – herausnehmbare Doppelspange, eine so genannte funktionskieferorthopädische Zahnspange, unter Umständen gerechtfertigt. Unsinnig ist auch in diesen Fällen eine längere Abfolge von mehreren herausnehmbaren Zahnspangen – das ist die einfältigste und ineffizienteste Behandlungsstrategie überhaupt. Bei älteren Jugendlichen und Erwachsenen kommt bei Behandlungen geringen bis mittleren Umfangs auch das Invisalign-Verfahren oder andere Aligner in Frage.  Invisalign kann in der gesetzlichen Krankenversicherung jedoch nicht abgerechnet werden, so dass es nur füe privat Versicherte und Selbstzahler zur Wahl steht.